Zehntes Kapitel

Pavel Podbielski, 57 Jahre, Besitzer der Wohnung

Athena und ich haben eines gemeinsam: Wir waren beide im Exil lebende Kriegsflüchtlinge, wir sind beide als Kinder nach England gekommen, obwohl meine Flucht aus Polen mehr als 50 Jahre zurückliegt. Wir beide wussten, dass die Traditionen auch im Exil weiterwirken – die Landsleute versammeln sich, ihre Sprache und ihre Religion sind weiterhin lebendig. Die Menschen neigen dazu, einander in einer Umgebung zu schützen, die für sie immer fremd bleiben wird.

Wenn auch die Traditionen weiterleben, so verschwindet doch allmählich der Wunsch wieder zurückzukehren. Er bleibt eine Zeitlang in unseren Herzen als eine trügerische Hoffnung weiterbestehen, die jedoch nie in die Tat umgesetzt wird. Ich werde nie wieder in Tschenstochau leben, so wie Athenas Familie auch nie wieder nach Beirut zurückkehren wird.

Es war eine Art Solidarität, die mich bewog, den dritten Stock meines Hauses in der Basset Road an sie zu vermieten – normalerweise gab ich kinderlosen Mietern den Vorzug. Ich hatte den Fehler schon einmal begangen, und da war Folgendes passiert: Ich beschwerte mich über den Lärm, den sie tagsüber machten, und sie beschwerten sich über den Lärm, den ich nachts machte. Tagsüber war es das Weinen der Kinder, nachts meine Musik, beides heilige Dinge, doch da sie vollkommen unterschiedlichen Welten angehörten, konnten sie einander schwerlich tolerieren.

Athena sagte, meine Musik störe sie nicht und was ihren Sohn betreffe, so sei er den ganzen Tag über bei seiner Großmutter. Die Wohnung habe außerdem den Vorteil, dass sie in der Nähe ihres Arbeitsplatzes liege, einer Bank im Viertel.

Trotz meiner Warnungen und obwohl sie anfangs tapfer widerstanden hatte, klingelte es acht Tage später an meiner Wohnungstür. Es war Athena, sie hatte ihren Sohn auf dem Arm.

“Mein Sohn kann nicht schlafen. Könnten Sie nicht heute die Musik etwas leiser stellen?” Alle im Raum schauten sie an.

“Was ist hier los?”

Der kleine Junge auf ihrem Arm hörte sofort auf zu weinen, als wäre er genauso überrascht wie seine Mutter, als sie die Gruppe von Menschen sah, die plötzlich aufgehört hatte zu tanzen.

Ich drückte auf den Pausenknopf des Tonbandgerätes, winkte ihr einzutreten und ließ sofort das Band weiterlaufen, um das Ritual nicht zu unterbrechen. Athena setzte sich in eine Ecke des Raumes, wiegte das Baby in ihren Armen, das trotz des Lärmens der Trommeln und Becken bald einschlief. Sie sah der Zeremonie zu und ging erst, als die anderen Gäste auch gingen. Und wie ich mir halb gedacht hatte, klingelte sie am nächsten Morgen, bevor sie zur Arbeit ging.

“Sie brauchen mir nicht zu erklären, was ich gesehen habe: Leute, die mit geschlossenen Augen tanzen. Ich weiß, was das bedeutet, denn ich mache häufig das Gleiche, und das sind dann die einzigen Augenblicke des Friedens und der Ruhe in meinem Leben. Bevor ich Mutter wurde, ging ich mit meinem Mann und meinen Freunden oft in Nachtclubs. Dort sah ich auch Leute mit geschlossenen Augen auf der Tanzfläche tanzen, einige taten es nur, weil sie die anderen beeindrucken wollten, andere wirkten so, als würden sie von einer größeren, mächtigeren Kraft bewegt. Und solange ich denken kann, habe ich im Tanz etwas gefunden, was mich mit etwas in Verbindung bringt, das stärker ist als ich. Aber ich hätte gern gewusst, was für eine Musik das gestern Abend war.”

“Was machen Sie am kommenden Sonntag?”

“Nichts Besonderes. Mit Viorel im Regent’s Park spazieren gehen, etwas frische Luft schnappen. Bis ich Zeit für mich habe, wird es noch etwas dauern – in dieser Phase meines Lebens folge ich dem Zeitplan meines Sohnes.”

“Dann werde ich Sie eben begleiten.”

In den zwei Tagen vor unserem Ausflug nahm Athena am Ritual teil. Ihr Sohn schlief nach ein paar Minuten ein, und sie schaute nur wortlos auf die Bewegung ringsum. Obwohl sie reglos auf dem Sofa saß, war ich sicher, dass ihre Seele tanzte.

Am Sonntagnachmittag, während unseres Spaziergangs im Park, bat ich sie, auf alles zu achten, was sie sah und hörte: die Blätter, die im Wind schaukelten, die Wellen auf dem Teich, die singenden Vögel, die bellenden Hunde, das Geschrei der Kinder, die hin und her liefen, als würden sie einer merkwürdigen, für die Erwachsenen unverständlichen Logik folgen.

“Alles bewegt sich. Und alles bewegt sich in einem Rhythmus. Und alles, was sich in einem Rhythmus bewegt, ruft einen Klang hervor. Das geschieht in diesem Augenblick hier und überall sonst auf der Welt. Unsere Vorfahren haben das auch bemerkt, schon damals, als sie in Höhlen lebten, um sich vor den Unbilden der Witterung zu schützen.

Die Dinge bewegen sich und machen Geräusche.

Für die ersten Menschen war diese Erkenntnis anfangs mit Staunen, später mit Verehrung verbunden: Sie begriffen, dass ein höheres Wesen auf diese Weise mit ihnen kommunizierte. Sie ahmten die Geräusche und Bewegungen, die sie umgaben, nach in der Hoffnung, auch mit diesem Wesen zu kommunizieren: Der Tanz und die Musik waren geboren. Vor ein paar Tagen haben Sie mir gesagt, dass Sie, wenn Sie tanzen, mit etwas kommunizieren, das mächtiger ist als Sie.”

“Wenn ich tanze, bin ich frei. Besser gesagt, ich bin dann ein freier Geist, der durch das Universum reisen, die Gegenwart sehen, die Zukunft erahnen und sich in reine Energie verwandeln kann. Und das macht mir eine ungeheure Freude, eine Freude, die weit über alles hinausgeht, was ich schon erlebt habe und in meinem Leben noch erfahren werde.

Es hat eine Zeit in meinem Leben gegeben, da wollte ich eine Heilige werden, die Gott durch die Musik und die Bewegungen ihres Körpers lobt. Aber dieser Weg ist mir endgültig verwehrt.”

“Welcher Weg ist Ihnen verwehrt?”

Sie setzte das Kind in seinem Kinderwagen zurecht. Ich sah, dass sie diese Frage nicht beantworten wollte, ließ aber nicht locker: Wenn Münder sich verschließen, dann weil etwas Wichtiges gesagt werden sollte.

Ohne eine Gefühlsregung und als müsste sie die Dinge, die ihr das Leben auferlegte, immer schweigend ertragen, erzählte sie mir, was in der Kirche passiert war, als der Priester – wahrscheinlich ihr einziger Freund – ihr die Kommunion verweigert hatte. Und vom Fluch, den sie damals ausgesprochen hatte. Sie hatte die katholische Kirche für immer verlassen.

“Ein Heiliger ist derjenige, der sein Leben würdig lebt”, erklärte ich. “Wir müssen einfach nur begreifen, dass wir aus einem bestimmten Grund hier sind, und sich diesem Grund verschreiben. Dann können wir über unser großes oder kleines Leid lachen und ohne Angst voranschreiten, im Bewusstsein, dass jeder Schritt einen Sinn hat. Wir können uns vom Licht führen lassen, das aus dem Vertex kommt.”

“Was ist ein Vertex?”

“In der Mathematik ist es der Scheitelpunkt eines gleichschenkligen Dreiecks.

Es gibt diesen Scheitelpunkt auch in unserem Leben, er ist das Ziel aller Menschen. Er ist in uns allen, auch in denen, die wie alle Menschen Fehler machen, aber selbst in den schwierigsten Momenten das Licht nicht aus den Augen verlieren, das aus ihrem Herzen kommt. Das ist es, was wir in unserer Gruppe versuchen: Der Scheitelpunkt ist in uns verborgen, und wir können zu ihm gelangen, wenn wir akzeptieren, dass es dieses Licht gibt.”

Ich erklärte ihr, dass der Tanz, den sie in den letzten Tagen beobachtet habe, von mir “Die Suche nach dem Scheitelpunkt” genannt werde, und wie sie sich hätte überzeugen können, von Menschen aller Altersstufen getanzt werden könne. (Die jetzige Gruppe bestand aus zehn Leuten im Alter zwischen 19 und 65.) Athena fragte mich, wann alles angefangen habe.

Ich erzählte ihr, dass es gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einem Teil meiner Familie gelungen sei, vor dem kommunistischen Regime zu fliehen, das damals in Polen Fuß fasste, und nach England auszuwandern. Sie hatten hauptsächlich Kunstgegenstände und alte Bücher mitgenommen, da sie gehört hatten, diese seien in England sehr gefragt. Die Bilder und kleinen Skulpturen konnten sie tatsächlich sofort verkaufen, aber die Bücher verstaubten in einer Ecke. Meine Mutter wollte mich dazu bringen, Polnisch zu sprechen und zu lesen, und die Bücher halfen mir dabei. Eines Tages entdeckte ich in einer Thomas-Malthus-Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert zwei Blätter mit Aufzeichnungen meines Großvaters, der in einem Konzentrationslager umgebracht worden war. Ich begann sie im Glauben zu lesen, sie hätten etwas mit seiner Erbschaft zu tun oder es handele sich um leidenschaftliche Briefe an eine heimliche Geliebte, denn es gab das Gerücht, er hätte sich in Russland in jemanden verliebt.

Tatsächlich war meine Vermutung nicht völlig unbegründet. Es handelte sich um einen Bericht über seine Reise nach Sibirien während der kommunistischen Revolution. Dort, in dem entlegenen Dorf Diedov, hatte er sich in eine Schauspielerin verliebt. Meinem Großvater zufolge gehörte sie einer Art Sekte an, die in einem bestimmten Tanz die Heilung von allen Krankheiten gefunden zu haben glaubte. Dieser Tanz ermöglichte, mit dem Licht in Verbindung zu treten, das aus dem Herzen kommt.

Die Bewohner von Diedov fürchteten, dass diese Tradition verschwinden könnte, da sie umgesiedelt werden sollten. Sowohl die Schauspielerin als auch ihre Freunde baten meinen Großvater, alles aufzuschreiben, was sie ihm über den Tanz erzählten. Das tat er, schien aber seinen Aufzeichnungen keine große Bedeutung beigemessen zu haben, da er sie in ein Buch gelegt hatte, in dem sie vergessen wurden, bis ich sie eines Tages entdeckte.

Athena unterbrach mich:

“Aber über das Tanzen zu schreiben, bringt doch nichts. Man muss selber tanzen.”

“Genau. Im Grunde genommen besagten die Aufzeichnungen nur dies: bis zur Erschöpfung tanzen, als wären wir Bergsteiger, die einen heiligen Berg besteigen. Tanzen, bis unser Körper wegen der heftigen Atmung Sauerstoff in einer Weise aufnimmt, die er nicht gewohnt ist, was dazu führt, dass wir unsere Identität, unsere Beziehung zu Raum und Zeit verlieren. Nur zum Klang von Perkussionsinstrumenten tanzen, und das jeden Tag. Begreifen, dass sich die Augen in einem bestimmten Augenblick von allein schließen und wir ein Licht sehen, das aus uns selber stammt, das unsere Fragen beantwortet, unsere verborgenen Kräfte entwickelt.”

“Haben Sie schon eine besondere Kraft entwickelt?”

Anstatt zu antworten, schlug er ihr vor, sich der Gruppe anzuschließen, da es dem kleinen Jungen selbst dann nichts ausmachte, wenn die Trommeln und Becken sehr laut wurden. Am nächsten Tag kam sie zu der Zeit, in der wir immer mit unseren Sitzungen begannen, zu uns. Ich stellte sie meinen Gefährten vor, sagte ihnen aber nur, dass sie die Nachbarin aus der darüberliegenden Wohnung sei. Keiner stellte sich vor oder stellte Fragen an sie. Dann schaltete ich das Tonbandgerät an, und wir begannen zu tanzen.

Sie machte die ersten Schritte mit dem Jungen auf dem Arm, doch er schlief gleich ein, und Athena legte ihn auf das Sofa. Bevor ich meine Augen schloss und in Trance geriet, sah ich noch, dass sie den Weg des Scheitelpunkts genau begriffen hatte.

Jeden Tag – ausgenommen sonntags – erschien sie mit dem Kind. Wir wechselten nur ein paar Begrüßungsworte, ich legte die Musik auf, die ein Freund in der russischen Steppe für mich aufgetrieben hatte, und wir tanzten alle bis zur Erschöpfung.

“Ich würde das gern morgens machen, bevor ich Viorel bei seiner Großmutter abgebe und zur Arbeit gehe.”

Ich zögerte:

“Erstens denke ich, dass eine Gruppe, die mit derselben Energie in Verbindung tritt, so etwas wie eine Aura entwickelt, die es allen erleichtert, in Trance zu geraten. Außerdem würden Sie, wenn Sie tanzen, bevor Sie zur Arbeit gehen, geradewegs auf Ihre Kündigung zusteuern, da Sie den ganzen Tag müde wären.”

Athena überlegte einen Augenblick, entgegnete dann aber:

“Sie haben recht mit dem, was Sie über die kollektive Energie sagen. Ich sehe, dass es in Ihrer Gruppe fünf Paare gibt – Sie selbst und Ihre Ehefrau eingeschlossen. Alle – wirklich alle – haben die Liebe gefunden.

Ich aber bin allein. Im Augenblick bin ich auch lieber allein: Wenn ich jetzt versuche, die Einsamkeit zu vermeiden, werde ich nie wieder einen Partner finden. Akzeptiere ich sie, anstatt gegen sie anzukämpfen, gibt es vielleicht eine Veränderung. Ich habe erkannt, dass das Gefühl von Einsamkeit stärker wird, wenn wir versuchen, es zu bekämpfen – dass es aber schwächer wird, wenn wir es einfach nicht beachten.”

“Haben Sie sich der Gruppe angeschlossen, weil Sie Liebe suchen?”

“Das wäre sicher ein guter Grund, aber die Antwort ist Nein. Ich habe mich der Gruppe angeschlossen, weil ich auf der Suche nach einem Sinn für mein Leben bin, der nicht einzig und allein Viorel sein sollte, denn ich fürchte, dass ich Viorel schaden könnte, entweder durch übertriebene Fürsorge, oder weil ich alle Träume, die ich selber nicht verwirklichen kann, auf ihn projiziere. Neulich habe ich mich, als ich tanzte, geheilt gefühlt. Wäre es um ein körperliches Gebrechen gegangen, hätte man es ein Wunder genannt. Aber es war etwas Geistiges, das mich gequält hatte und plötzlich nicht mehr da war.”

Ich wusste, wovon sie sprach.

“Niemand hat mich gelehrt, zum Klang dieser Musik zu tanzen”, fuhr Athena fort. “Aber etwas sagt mir, dass ich es richtig mache.”

“Man braucht es nicht zu lernen. Erinnern Sie sich an unseren Spaziergang im Park und an das, was wir gesehen haben? Die Natur schafft den Rhythmus und passt sich ihm ständig an.”

“Niemand hat mich gelehrt zu lieben. Aber ich habe bereits Gott geliebt und auch meinen Ehemann, und ich liebe meinen Sohn und meine Familie. Und dennoch fehlt etwas. Obwohl ich durch das Tanzen müde werde, ist es so, als gelangte ich dadurch in einen Zustand der Gnade, in eine ekstatische Verzückung. Ich wollte, diese Ekstase hielte den ganzen Tag über an und könnte mir finden helfen, was mir fehlt: die Liebe eines Mannes.

Während ich tanze, kann ich das Herz dieses Mannes sehen, sein Gesicht aber nicht. Ich spüre, dass er nicht weit ist, und deshalb muss ich aufmerksam sein. Ich muss morgens tanzen, damit ich den restlichen Tag über auf alles achte, was mich umgibt.”

“Wissen Sie eigentlich, was das Wort ‘Ekstase’ bedeutet? Es stammt aus dem Griechischen und bedeutet ‘aus sich heraustreten’. Den ganzen Tag außerhalb seiner selbst verbringen hieße, vom Körper und von der Seele zu viel zu verlangen.”

“Ich werde es dennoch versuchen.”

Ich sah ein, dass eine Diskussion nichts bringen würde, und machte für sie eine Kopie des Tonbandes. Von da an wachte ich jeden Morgen vom Klang der Trommeln aus der Wohnung über mir auf. Ich konnte Athenas Schritte hören und fragte mich, wie sie nach einer Stunde in Trance ganz normal in einer Bank arbeiten konnte. Als wir uns einmal zufällig auf dem Flur trafen, lud ich sie auf einen Kaffee ein. Athena erzählte mir, sie habe das Tonband noch zweimal kopiert. Einige Arbeitskollegen hätten sich ihrer Suche nach dem Weg des Scheitelpunkts angeschlossen.

“Ich hoffe, ich habe da nichts Falsches gemacht, die Bänder waren doch nicht etwa geheim?”

Selbstverständlich nicht, ganz im Gegenteil. Athena half mir, eine fast vergessene Tradition zu bewahren. In den Notizen meines Großvaters hieß es, eine der Frauen habe ihm erzählt, dass ein Mönch, der dieses Gebiet besucht hatte, behauptet hätte, wir trügen alle unsere Vorfahren und alle zukünftigen Generationen in uns. Wenn wir uns selber befreien, täten wir das auch mit der ganzen Menschheit.

“Dann müssten die Frauen und die Männer jenes kleinen Orts in Sibirien jetzt auch hier sein und sich freuen. Ihre Arbeit wird dank Ihres Großvaters in diesem Teil der Welt wiedergeboren. Aber eines hätte ich gern noch gewusst: Warum haben Sie beschlossen zu tanzen, nachdem Sie den Text gelesen hatten? Wenn Sie etwas über Fußball gelesen hätten, hätten Sie dann auch beschlossen, Fußballspieler zu werden?”

Die Frage hatte mir noch nie jemand gestellt.

“Zum Tanzen bin ich gekommen, weil ich damals krank war. Ich hatte eine seltene Art von Arthritis, und die í„rzte sagten, ich müsse mich darauf gefasst machen, mit fünfunddreißig Jahren im Rollstuhl zu sitzen. Angesichts der kurzen Zeit, die mir noch blieb, beschloss ich, alles zu tun, was ich später nicht mehr würde tun können. Mein Großvater hatte geschrieben, dass die Bewohner von Diedov an die heilenden Kräfte der Trance glaubten.”

“Sie hatten offensichtlich recht.”

Ich sagte nichts weiter, aber ich war mir nicht so sicher. Vielleicht hatten sich die í„rzte ja geirrt. Vielleicht hatte die Tatsache, dass ich mir als ein mit meiner Familie emigrierter Jude nicht leisten konnte, krank zu werden, eine so starke Wirkung auf mein Unterbewusstsein gehabt, dass eine natürliche Reaktion des Organismus hervorgerufen wurde. Oder vielleicht war es wirklich ein Wunder gewesen, was allerdings meinem katholischen Glauben vollkommen widersprach: Tänze heilen nicht.

Ich erinnere mich daran, wie ich mir in meiner Jugend (weil ich die dazu passende Musik nicht hatte) eine schwarze Kapuze über meinen Kopf gezogen und mir vorgestellt habe, dass die Wirklichkeit um mich herum aufhörte zu existieren. Mein Geist reiste nach Diedov zu jenen Männern und Frauen, zu meinem Großvater und der von ihm so geliebten Schauspielerin. In der Stille meines Zimmers bat ich sie, mich das Tanzen zu lehren, über meine Grenzen hinauszugehen, weil ich in Kürze schon für immer gelähmt sein würde. Je mehr mein Körper sich bewegte, desto mehr Licht zeigte sich in meinem Herzen, desto mehr lernte ich – vielleicht ganz allein aus mir heraus, vielleicht von den Geistern der Vergangenheit. Ich konnte mir sogar die Musik vorstellen, die sie bei ihren Ritualen hörten, und als ein Freund von mir viele Jahre später nach Sibirien reiste, bat ich ihn, Schallplatten mitzubringen. Auf einer war zu meiner íœberraschung eine Musik, die ganz meiner Vorstellung vom Tanz von Diedov entsprach.

Athena sagte ich besser nichts davon – sie wirkte auf mich wie jemand, der leicht zu beeinflussen war, und zudem schien sie mir unausgeglichen zu sein.

“Vielleicht tun Sie ja genau das Richtige”, war mein einziger Kommentar.

Wir haben noch einmal, kurz vor ihrer Reise in den Orient, miteinander gesprochen. Sie wirkte zufrieden, als hätte sie gefunden, was sie sich wünschte: die Liebe.

“Meine Kollegen in der Bank haben eine Gruppe gebildet und nennen sich selber ‘Pilger des Scheitelpunktes’. Das verdanken sie Ihrem Großvater.”

“Das verdanken sie Ihnen, die Sie das Gefühl hatten, dies mit anderen teilen zu müssen. Ich weiß, dass Sie kurz vor Ihrer Abreise in den Orient stehen. Das ist eine gute Gelegenheit, Ihnen dafür zu danken, dass Sie das, was ich jahrelang getan habe, anderen zugänglich gemacht, das Licht an andere weitergegeben haben.”

“Wissen Sie, was ich herausgefunden habe? Die Ekstase befähigt einen, aus sich selber herauszutreten. Der Tanz ist ein Weg, um in andere Sphären aufzusteigen. Neue Dimensionen zu entdecken und dennoch zugleich in Kontakt mit seinem Körper zu stehen. Im Tanz können die spirituelle und die reale Welt, ohne in Konflikt miteinander zu geraten, gleichzeitig existieren. Ich glaube, dass die Tänzer des klassischen Balletts auf Zehenspitzen tanzen, weil sie so zugleich den Boden berühren und den Himmel erreichen.”

Das waren, wenn ich mich recht erinnere, ihre letzten Worte. Wenn wir uns tanzend voller Freude hingeben, verliert das Gehirn die Kontrolle über den Körper, und das Herz übernimmt. Erst in diesem Augenblick erscheint der Scheitelpunkt.

Selbstverständlich nur, wenn wir daran glauben.

Das nächste Kapitel wird online sein am 21.09.07